Eine katholische Gemeinde entsteht

Im Laufe der Jahrhunderte war im Schatten des Klosters auch eine kleine Ansiedelung entstanden. Vorwiegend Handwerker und Kaufleute, die an kirchlichen Festen nach St. Georgen kamen, ließen sich in der Umgebung der Abtei nieder. Schon recht früh wurden am Tag des heiligen Georg (23. April), des Patrons der Klosterkirche, des heiligen Laurentius (10. August), des Patrons der Kirchspielkirche und des heiligen Michael (29. September), des Patrons der Friedhofskirche, Märkte abgehalten.

Um diese alten Gewohnheitsmärkte urkundlich zu legitimieren, erhielt St. Georgen, hauptsächlich wohl wegen der großen Bedeutung des Klosters, am 21. August 1507 durch Kaiser Maximilian I. die Marktrechte verliehen. Genehmigt wurden die beiden Jahrmärkte an St. Georg und St. Michael sowie der Wochenmarkt an jedem Samstag.

In den folgenden Jahren stieg die Einwohnerzahl langsam an. Im Jahre 1591 lag sie bei etwa 250. In den Notzeiten des 30-jährigen Krieges verloren zahlreiche Menschen ihr Leben. So war 1641 die Zahl der Einwohner auf 80 zusammengeschrumpft. Erst langsam erholte sich St. Georgen von den Wirren der Krieg- und Glaubenskämpfe und dem Niedergang der Abtei. 1664 lebten rund 300 Einwohner in St. Georgen, 1797 waren es bereits 817.

Nachdem St. Georgen im Westfälischen Frieden von 1648 endgültig dem Hause Württemberg zugesprochen worden war, war aus dem einstigen Ort eines reichen Klosters eine rein evangelische Gemeinde geworden. Rund zwei Jahrhunderte lebte im ganzen Kirchspiel, zu dem neben St. Georgen noch Oberkirnach, Langenschiltach, Peterzell und Brigach gehörten, kein einziger Katholik. So war im Marktflecken St. Georgen jede Spur des Katholizismus verwischt, als er am 5. Oktober 1810 zu Baden kam. Die Zählung von 1812 gibt darüber Auskunft, dass in jenem Jahr in St. Georgen 914 und im gesamten Kirchspiel 1825 Personen lebten, alle durchweg evangelisch.

In der Folgezeit gewann die Industrie mehr und mehr an Bedeutung für St. Georgen. Entscheidend vorangetrieben wurde diese wirtschaftliche Entwicklung durch die Uhrenherstellung.

Durch die zunehmende Industrialisierung vermehrte sich auch der Zuzug von Auswärtigen und so kamen erstmals wieder Katholiken in die Bergstadt. Im Jahre 1843 lag ihre Zahl bei 43. In den folgenden Jahren stieg die Einwohnerzahl im Kirchspiel stetig an. So lebten im

Jahre   1840       3005

            1858       3231

            1880       4245

            1890       4620 Einwohner im Kirchspiel.

Die wenigen Katholiken unter ihnen mussten zunächst den beschwerlichen Weg zum Gottesdienst und zur Christenlehre nach Nußbach auf sich nehmen. Allmählich wuchs ihre Zahl an. Die Eröffnung der Schwarzwaldbahn im Jahre 1873 tat ein Übriges und 1880 waren es in St. Georgen bereits 191, in Brigach 27, in Peterzell 36 und in Stockburg 9, zusammen also 263 katholische Mitbürger.

Nun ist es interessant zu wissen, dass es ein angesehener evangelischer Bürger war, der den ersten Anstoß gab, in St. Georgen ein eigenes katholisches Gotteshaus zu errichten: Johann Georg Schultheiß, der als „ewiger Student“ in die Annalen der Bergstadtgeschichte einging. 1809 geboren und seit 1856 Teilhaber an der von seinem Bruder gegründeten Emailfabrik, war er unermüdlich für das Wohl seines Heimatortes tätig. So gründete er unter anderem den Gewerbeverein. Bereits am 27. Januar 1870 schrieb Schultheiß einen Brief an das Erzbischöfliche Domkapitel in Freiburg:

„Obwohl eifriger Protestant, wünsche ich dennoch meinen katholischen Mitchristen jede Möglichkeit zur Ausübung ihres Kultes. Ebenso kann ich nicht ohne Pietät hinblicken auf die Stätte, wo das frühere Benediktinerkloster stand, dem mein Heimatort Entstehung und Namen verdankt. Zugleich glaube ich als Vorstand des Gewerbevereins die Pflicht zu haben, für möglichstes Emporkommen St. Georgens zu sorgen, besonders wo es im Begriffe steht, durch die Eisenbahn mächtigen Aufschwung zu nehmen. Dies sind die drei Gründe, weshalb ich mir erlaube, Ihnen die Erbauung einer katholischen Kirche vorzuschlagen auf der Stätte, wo die ehemalige Klosterkirche gestanden hat. Ich führe zur weiteren Begründung an, dass in neuester Zeit auch evangelischer Gottesdienst und zum Teil Kirchen errichtet worden sind in den sonst ganz katholischen Orten Villingen, Furtwangen, Gengenbach usw. Weshalb sollte in dem sonst ganz protestantischen St. Georgen nicht auch eine katholische Kirche gebaut werden können? Die gleiche Bereitwilligkeit, die Villingen, Furtwangen, Gengenbach usw. Protestantengegenüber gezeigt haben, wird auch St. Georgen Katholiken gegenüber an den Tag legen, ja es wird sicher den Platz der ehemaligen Klosterkirche, deren Ruinen vor zwei Jahren abgebrochen wurden, ohne übertriebene Entschädigungsansprüche zum Bau einer katholischen Kirche abtreten“.

Der Bescheid der Kirchenbehörde war jedoch negativ, da die notwendigen Mittel damals nicht zur Verfügung standen.

Anzeige aus dem "Der Schwarzwälder", amtliches Verkündigungsblatt für den Amtsbezirk Villingen, vom 8. April 1880

Im Jahre 1880 wurde dann zum Preis von jährlich 100 Mark ein Saal im Gasthaus „Bären“ gemietet. Am Sonntag, 11. April 1880, hielt Dekan Beck aus Triberg morgens um 8 Uhr den ersten Gottesdienst darin ab.

Im Mai 1887 wurde die seelsorgerliche Betreuung der wenigen Katholiken in St. Georgen vom Erzbischöflichen Ordinariat offiziell dem Pfarrer von Nußbach übertragen. In dem Schreiben vom 7. Mai 1887 heißt es:

„An hochw. Herrn Pfarrer Hättig in Nußbach bei Triberg:

Wir übertragen Ihnen anmit bis auf Weiteres die Pastoration der Katholiken in St. Georgen und verpflichten Sie, daselbst alle 14 Tage sonntäglichen Gottesdienst zu halten und die kath. Schulkinder wenigstens einmal in der Woche an einem Werktage in der Religion zu unterrichten. Als Honorar für Abhaltung des Gottesdienstes und zur Vergütung etwaiger Auslagen erhalten Sie jährlich 300 Mark aus der Kasse des Bonifatiusvereins unserer Erzdiöcese, für deren Auszahlung wir Sorge tragen werden.

Zugleich bemerken wir, daß Ihre in dem Berichte vom 7. Februar d.J. an die Schulinspektion Schönwald ausgesprochene Ansicht, das Pfarramt Nußbach  habe nichts mehr mit St. Georgen zu thun, irrig ist. So lange in St. Georgen nicht eine besondere Pfarrei oder Kuratie errichtet ist, hat der Pfarrer/Pfarrverweser in Nußbach die Katholiken in St. Georgen als Filialisten zu pastorisieren, besonders die Schulkinder in St. Georgen in der Religion zu unterrichten und die Kranken zu besuchen und mit den hl. Sakramenten zu versehen. Zur Abhaltung des periodischen Gottesdienstes in St. Georgen ist der Pfarrer von Nußbach allerdings nicht verpflichtet, weshalb dafür auch ein besonderes Honorar bezahlt wird. Indem wir nun Ihnen dieses Honorar zuwenden, erwarten wir, daß Sie mit Eifer und liebevoller Hingebung die Pastoration der Katholiken in St. Georgen besorgen und dieselben in der Treue des Glaubens und in der Liebe zur hl. Kirche erhalten und bestärken werden.

Der Tag Ihres Dienstantritts, d.i. der erstmaligen Abhaltung des Gottesdienstes in St. Georgen, wollen Sie uns durch unsere Dekanatsverwaltung in Hausach anzeigen“. 

Gasthaus zum Bären um 1900

Da der Nußbacher Pfarrer jedoch in hohem Alter stand, eine eigene weitläufige Pfarrei zu betreuen hatte und zudem noch in Triberg Aushilfe leisten musste, wurde die Seelsorge in St. Georgen ab Mai 1887 vorübergehend Pfarrer Eduard Fahrländer aus Gremmelsbach übertragen. Jeden zweiten Sonntag war in St. Georgen eine Messe zu lesen, wobei ein auswärtiger Lehrer für drei Mark auf einem Harmonium mehr schlecht als recht die Lieder begleitete. Fahrländer musste anschließend den 10-Uhr-Zug erreichen, um pünktlich um 10.45 Uhr in seiner eigenen Kirche zu sein. Einmal in der Woche erteilte der den katholischen Schülern Religionsunterricht. Wie in einem Visitationsbericht von 1888 zu lesen ist, „leben in St. Georgen die Katholiken mit den Protestanten wie man hört in Frieden“.

Von Allerheiligen 1890 an übernahm dann Pfarrverweser Adolf Schweizer aus Nußbach den Seelsorgedienst in St. Georgen. Auch er feierte im Saal der Bären-Wirtschaft regelmäßig die Heilige Messe und kam an einem Werktag pro Woche nach St. Georgen, um  Religionsunterricht zu erteilen. Zur Deckung der Unkosten spendete der Bonifatiusverein jährlich 400 Mark.

Jochen Schultheiß