St. Georgen wird Kuratie
Betreut wurden die katholischen Einwohner von St. Georgen zunächst vom Gremmelsbacher Pfarrer Eduard Fahrländer, danach vom Nußbacher Pfarrverweser Adolf Schweizer. Kurz nach der Fertigstellung ihrer Kirche gelang den St. Georgener Katholiken dann ein weiterer wichtiger Schritt auf dem Weg in die Selbständigkeit. Waren es bisher immer auswärtige Geistliche gewesen, welche „nebenher“ die katholischen Einwohner von St. Georgen mitversorgten und mit ihnen den Gottesdienst feierten, wurde mit der Errichtung der Kuratie St. Georgen am 25. Juli 1894 eine eigene Seelsorgestelle eingerichtet. Eine Kuratie ist ein selbständiger Seelsorgesprengel unter Leitung eines Priesters. Kirchenrechtlich ist eine Kuratie eine Ersatzform einer Pfarrei und wird daher auch als „Quasipfarrei“ bezeichnet.
Kurz nach Fertigstellung des Pfarrhauses kam im Juli 1894 mit Kurat Johannes Mörmann der erste eigene katholische Seelsorger nach St. Georgen. Ihm folgten als Kuraten im Juli 1896 Stephan Pfister, im Februar 1898 Karl Ludwig Seger und im April 1899 Karl Metzler. Im April 1901 kam Emil Hogg nach St. Georgen, zunächst noch wie seine Vorgänger als Kurat.

St. Georgen wird selbständige Pfarrei
Im Jahre 1905 war die Zahl der Katholiken im Kirchspiel bereits auf 757 angewachsen, davon 647 in St. Georgen, je 34 in Brigach und Peterzell, 25 in Stockburg und 17 in Oberkirnach.
Über die damalige Situation der kleinen katholischen Gemeinde gibt auch eine amtliche Ortsbereisung aus dem Jahre 1907 Auskunft. Das Schriftstück datiert vom 18. April 1907 und wird wie folgt eingeleitet: „Die Ortsbereisung wurde am 12. und 13. April 1907 durch den Gr. Amtsvorstand, Oberamtmann Arnold unter Beizug des Rechtspraktikanten Dr. Roth und unter Teilnahme des Bezirksrats Heinemann vorgenommen. Am Vormittag des 12. wurden die Geschäfte auf dem Rathaus erledigt, am Nachmittag die Gemeindeeinrichtungen besichtigt. Der zweite Tag war der Besichtigung industrieller Anlagen gewidmet“.
Der mehrseitige, sehr aufschlussreiche Bericht zeichnet ein umfassendes Bild vom St. Georgen des Jahres 1907. Die einzelnen Abschnitte befassen sich mit der Gemeindeverwaltung, den Gemeindeeinrichtungen, sonstigen gemeinnützigen Einrichtungen, der Industrie und eben auch mit den schulischen und kirchlichen Verhältnissen.
Zur Situation der Katholiken in St. Georgen haben die amtlichen Ortsbereiser festgehalten: „Die Frage der Erhebung der Ortskirchensteuer und des Wegfalls des Gemeindezuschusses, die schon bei der Ortsbereisung 1904 berührt worden war, wurde inzwischen wieder gelegentlich aufgegriffen. Es ist zweifellos ein Missverhältnis, wenn bei einer Einwohnerzahl von (1905) 3346 Evangelischen und 647 Katholiken die Stadt an die evangelische Gemeinde (Kirchspielkasse) 1815 Mark und an die katholische Gemeinde nur 40 Mark zu leisten hat (so noch ein Voranschlag 1907). Man ist aber eher geneigt, den Gemeindezuschuß beizubehalten, als eine Kirchensteuer einzuführen, es soll dann der Beitrag zur katholischen Gemeinde entsprechend erhöht werden. Katholischer Geistlicher ist noch Pfarrkurat Hogg.
Von Seiten des Erzbischöfl. Ordinariats wird angestrebt, St. Georgen zur Pfarrei zu erheben. Es wird darauf bestanden, die Gemeinden
Brigach mit 34 Katholiken bei 469 Einwohnern
Peterzell mit 34 Katholiken bei 614 Einwohnern
Stockburg mit 25 Katholiken bei 116 Einwohnern
Oberkirnach mit 17 Katholiken bei 329 Einwohnern
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110 Katholiken bei 1428 Einwohnern
der Pfarrei einzuverleiben. Hiergegen haben die Gemeinderäte entschieden Stellung genommen, da dann in den Gemeinden der Fronleichnamstag gesetzlicher Feiertag würde, was schon um deswillen nicht gern gesehen würde, weil man befürchtet, dass alsdann zwar kein gesetzlicher, aber doch vorhandener Druck auf die Einwohnerschaft ausgeübt würde, auch die übrigen Feiertage zu halten. Diese Befürchtung mag unbegründet sein, wird aber wohl dadurch genährt, dass in St. Georgen die Fabrikarbeiterschaft sämtliche Marientage etc. pünktlich einhält. Inzwischen sind aber die Verhandlungen zum Stillstand gekommen.
Die Fronleichnamsprozession wurde bisher auf dem der katholischen Gemeinde gehörigen eingezäunten Platz um die Kirche abgehalten. Im vorigen Jahr wurde an den Gemeinderat ein Gesuch gerichtet, die Prozession in den in der Nähe der Kirche liegenden Straßen zu gestatten, was vom Gemeinderat einstimmig abgelehnt wurde. Die Zentrumspresse behandelte darauf die Angelegenheit ziemlich ausführlich“.

Nun, bis zur Durchführung einer großen Fronleichnamsprozession durch die Straßen der Innenstadt mussten sich die St. Georgener Katholiken noch bis zum Jahre 1930 gedulden. Viel schneller, als noch bei der Ortsbereisung im April erwartet, ging es jedoch mit der Erhebung zur Pfarrei voran. Nur ein knappes halbes Jahr später war es bereits soweit. Am 30. September 1907 setzte der damalige Freiburger Erzbischof Thomas Nörber Unterschrift und Siegel unter die Errichtungsurkunde. Die St. Georgener Katholiken hatten damit den Status einer eigenständigen Pfarrei erreicht.
Der bisherige Pfarrkurat Emil Hogg, seit 1901 in St. Georgen, wurde somit 1907 zum ersten Pfarrherrn der neu gegründeten Stadtpfarrei St. Georgen.
Über die Errichtung der katholischen Stadtpfarrei St. Georgen berichtete der Brigachbote:
St. Georgen, 18. Oktober. Vom Erzbischöflichen Ordinariat in Freiburg kam heute an das katholische Pfarramt die offizielle Mitteilung der Errichtung der hiesigen katholischen Pfarrkuratie zur Stadtpfarrei. Der Mitteilung ist die Errichtungsurkunde angeschlossen. Dieselbe gibt in gedrängter Kürze einen geschichtlichen Überblick über das ehemalige Kloster St. Georgen und die jetzige katholische Gemeinde. Die Urkunde beginnt mit dem Jahre 1084 bzw. 1085, wo am 24. Juni Gebhard III., Bischof von Konstanz, der ein Herzog von Zähringen, Bruder des Markgrafen Hermann I. von Baden, des Ahnherren unseres badischen Fürstenhauses war, die von Hirsauer Ordenbrüdern erbaute erste, dem Ritter und Märtyrer St. Georg gewidmete Kirche feierlich einweihte und schließt mit dem 20. Juli 1907, an welchem Tage der nunmehr in Gott Ruhende Großherzog Friedrich I., höchstseligen Andenkens, von St. Moritz aus mit Staatsminesterialentschließung höchstseine Genehmigung zur Errichtung der Stadtpfarrei allergnädigst zu erteilen geruht hat. Die Errichtungsurkunde, die von Sr. Exzellenz Erzbischof Thomas eigenhändig unterzeichnet und mit dessen Siegel versehen ist, wird am nächsten Sonntag, den 20. d.M., beim Pfarrgottesdienst verlesen.
Wenige Tage später war hierüber im Brigachboten nachzulesen:
St. Georgen. 22. Oktober. In der hiesigen katholischen Pfarrkirche wurde am vergangenen Sonntag während des Gottesdienstes die Urkunde über die Errichtung der katholischen Stadtpfarrei verlesen, die auf die zahlreich anwesenden Gläubigen einen guten Eindruck machte; die ganze religiöse Geschichte St. Georgens zog am Geiste der Zuhörer vorüber. Dann folgte ein Gebet für alle noch lebenden und verstorbenen Wohltäter der Kirche und der Gemeinde. Am Schlusse des Hochamts wurde das Te deum gesungen und feierliches Glockengeläute verkündete währenddessen der Stadt, dass soeben in der Geschichte der katholischen Gemeinde ein hochwichtiger Akt vollzogen worden sei.
Jochen Schultheiß




St. Georgen wird zur Pfarrei erhoben